Zukunftstag Wilhelmshaven – Plastikgefahr an der Küste

Permanent-Plastic is forever Filmplakat

“Zukunftswerkstatt” veranstaltet am 20.11.2016 Thementag zum Thema Plastikmüll in der Ruscherei Wilhelmshaven.

Podiumsdiskussion
Podiumsdiskussion (v.L. Dr. Thomas Clemens, Mellumrat | Jens de Boer, OOWV | Wolf-Dietrich Hufenbach, Dokumentarfilmer | Peter Meiwald, MdB B’90/GRÜNE | Katharina Guleikoff, Journalistin, Moderatorin)

Im Rahmen der gut besuchten Veranstaltung in der Ruscherei, stellt der Dokumentarfilmer Wolf-Dietrich Hufenbach seinen Film “Permanent – plastic is forever” vor. Es geht um den Plastikmüll an unseren Küsten.

Der Film bricht das Thema Makro- und Mikroplastik in unseren Meeren gekonnt auf unsere Region herunter und macht deutlich, wie weit dieses Problem bereits direkt vor unserer Haustür angekommen ist. In dem Dokumentarfilm kommen Akteure zu Wort, die auf die eine oder andere Weise direkt mit dem Thema zu tun haben. Vom Neuharlingersieler Fischer, über den Tourismusmanager der Insel Wangerooge, dem Biologen Roger Staves vom Wattenmeer Besucherzentrum Wilhelmshaven,  bis zum GRÜNEN Bundestagsabgeordneten Peter Meiwald oder seinem Wilhelmshavener Parteikollegen Michael von den Berg.

Alle Interviewpartner im Film haben auf ihre Weise mit dem Thema Plastikmüll zu tun und versuchen diesem zu begegnen.
Wer den prämierten Film ‘PlastikPlanet‘ gesehen hat, der auch in Zukunft noch einige Male im Wattenmeer-Besucherzentrum gezeigt werden wird, findet in Hufenbachs Film eine wunderbare Ergänzung, die das Problem für uns in der Region fassbar macht.

Im Anschluss an die Filmvorführung fand neben zwei Initiativvorträgen von Dr. Thomas Clemens (Mellumrat) und Jens de Boer (Regionalleiter Wasserverband OOWV) eine Podiumsdiskussion statt. Teilnehmer waren hier neben den Referenten auch Filmemacher und Initiator der Veranstaltung Wolf-Dietrich Hufenbach und Peter Meiwald (MdB, GRÜNE). Moderiert wurde die Veranstaltung von der Journalistin Katharina Guleikoff.

Das Problem ist nicht neu

Dr. Thomas Clemens (Mellumrat)
Dr. Thomas Clemens (Mellumrat) zeigt Müllfunde

Dr. Thomas Clemens vom Mellumrat kämpft seit 25 Jahren gegen die Vermüllung der Meere.
Wir haben immer gesagt, der Müll den wir am Strand finden, das ist der sichtbare Teil dieses Eisberges der gesamten Problematik…Es gibt keinen Organismus im Meer, am Meer in dem Zusammenhang, der nicht von dieser Sache betroffen ist.”
Seit 25 Jahren trägt der Mellumrat zur Dokumentation der Vermüllung der Nordsee bei. Regelmäßig werden auf Mellum und Minseneroog die Strände Abschnittsweise untersucht und Müllfunde kartiert und dokumentiert. Damit hat der Mellumrat , die wohl beste Dokumentation von Müllfunden an der Niedersächsischen Nordseeküste und vielleicht auch darüber hinaus. Genauso verfahren die Verbände von Hamburg und Schleswig Holstein. Die so entstandene Datenbank der Funde umfasst mittlerweile 240.000 Einträge. Die Auswertung ergab, dass 90% der Funde Kunststoffe sind. Dr. Clemens gibt ein konkretes Beispiel für die Dimensionen der Vermüllung. 2013 untersuchte der Mellumrat mit 40 Personen, 9 km Strand auf Mellum. An einem Tag wurden so 54.000 Müllteile gefunden mit einem Volumen von 16m3.

Vermeidung geht vor Entsorgung

Jens de Boer (OOWV)
Jens de Boer (OOWV)

Jens de Boer ist Regionalleiter des Oldenburgisch-Ostfriesischen Wasserverbandes (OOWV).
Der OOWV steht am Ende der Konsumkette und muss sich der Herausforderung stellen, Plastik im Abwasser und Frischwasser zu identifizieren und so weit möglich, zu filtern.
Der Wasserverband hat dazu in Studien sowohl das gereinigte Wasser in seinen Kläranlagen, als auch das Trinkwasser untersuchen lassen. Da Mikroplastik über normale Mikroskopanalyse nicht identifizierbar ist, hat das beauftragte Alfred Wegener Institut die sehr aufwändige “Infrarot-Spektroskopie” angewandt, mit deren Hilfe sogar die Art des gefundenen Mikroplastik bestimmt werden kann.
Im Trinkwasser wurden dabei nur vernachlässigbare Mengen Mikroplastik gefunden. Im ausgeleiteten Wasser der Kläranlagen wurden durchschnittlich 800 Partikel pro m3 Abwasser gefunden. Ob dies ein guter oder schlechter Wert ist, lässt sich aber nicht sagen, so de Boer, da Vergleichswerte bisher fehlen. 95% des Anteil an Plastikrückständen im Abwasser wird über eine spezielle Methode mittlerweile herausgefiltert und landet im Klärschlamm.
Ein Problem könnte dabei entstehen, weil 40% des Klärschlammes direkt als Dünger in der Landwirtschaft genutzt wird und so letztendlich in den Boden gelangt. 60% des Klärschlammes werden heute verbrannt.
Für de Boer ist die Verlagerung des Problems Plastikmüll in den Bereich Entsorgung, die schlechteste aller Möglichkeiten. “Mikroplastik und Makroplastik sind ein gesamtgesellschaftliches Problem.“sagt er auf der Podiumsdiskussion und verweist damit auf die Industrie die immer noch bewusst Mikroplastik in Reinigungs- und Pflegeprodukten einsetzt und natürlich auf die Verbraucher, die diese Produkte kaufen. Den Konsumenten legt er den Einkaufsratgeber des BUND ans Herz, der Produkte mit zugesetztem Mikroplastik auflistet und dazu rät, diese zu meiden. Peter Meiwald ergänzt, dass es längst Methoden gibt, das Mikroplastik in Pflegemitteln durch geriebene Pfirsichkerne oder Walnussschalen zu ersetzen.

Schluß mit der ‘Scheiß Werbung’

Wolf-Dietrich hufenbach
Wolf-Dietrich Hufenbach, Dokumentarfilmer und Mitinitiator

Was kann man tun, fragt Katarina Guleikoff Wolf-Dietrich Hufenbach auf dem Podium. “Ich komm aus der Werbung” sagt Hufenbach “und ich sag mal, man muss nicht so viel scheiß Werbung machen! Man kann nämlich auch objektive Werbung machen. Man kann auch sagen das ist nicht so gut. Bei der letzten Bundestagswahl ging es ja auch um diesen ‘Veggie-Day’, da haben sie alle die GRÜNEN ausgelacht, da habe ich nur gesagt, ja wart mal ab!” Werbung ist bewusstseinsbildend, sagt Hufenbach und macht die Werbeindustrie mit verantwortlich für unseren Umgang mit dem Plastik.
Darüber hinaus ist es Hufenbach wichtig, dass die Aktivitäten aus der Basis der Gesellschaft heraus wachsen. So wurde an diesem Tag dem Beispiel der Inselgemeinde Wangerooge folgend, die sogenannte “Zukunftswerkstatt” für Wilhelmshaven gegründet. Bürger und Politik sollen hier gemeinsam Zukunftsthemen aufgreifen und umsetzen.

Peter Meiwald
Peter Meiwald (MdB B’90/GRÜNE)

Michael Diers, Geschäftsführer der WTF, der unter den Besuchern der Veranstaltung ist, hat seine ganz eigenen Erfahrungen gemacht, bei dem Versuch in Wilhelmshaven etwas gegen den Plastiktüten-Wahn zu unternehmen. “Ich weiß, dass ich vor 3 Jahren versucht habe darüber zu reden, ob wir die Plastiktüten nicht höher besteuern. Ich bin über diesen einen Satz gar nicht hinaus gekommen. Gerade wir direkt am Naturpark Wattenmeer hätten die Möglichkeit dieses Bewusstsein mehr zu schaffen. Warum fange ich nicht an 500€ Strafe zu fordern, wenn jemand was aus dem Auto schmeisst?

Eine wichtige Information zu Handlungsmöglichkeiten für die Kommune liefert Peter Meiwald. Das Duale System, was für die Entsorgung unserer gelben Säcke zuständig ist, zahle regelmäßig einen nicht geringen Beitrag zur Bewusstseins- und Umweltbildung an die Kommunen. Oft gehe dieser Betrag aber im Haushalt der Kommunen unter, statt für den gedachten Zweck eingesetzt zu werden.

Es liegt an uns!

Plastikmüll Skagen Strand
Aufgenommen von Peter Meiwald in Skagen (DK)

Die Veranstaltung war rund und hat nicht nur Fragen aufgeworfen, sondern viele Informationen liefern können, wie wir direkt vor Ort mit dem Thema umgehen können. Es liegt an uns selbst. An uns als Konsumenten, die Plastikprodukte meiden, wo es geht. An uns als Bürger, die auf Kommunal-, Landes- und Bundespolitik Druck ausüben müssen und so ein Umdenken erzwingen, die aber auch mit helfen unsere Küsten sauber zu halten und die lokalen Initiativen unterstützen.

 

Der Filmtrailer

 

Weiterführende Informationen

This Post Has Been Viewed 1 Times

Schreibe einen Kommentar