„Wihelmshaven könnte das Miami Deutschlands werden“

Katharina Guleikoff bricht nach 13 Jahren engagiertem Leben in Wilhelmshaven zu neuen Ufern auf.

Katharina Guleikoff
Katharina Guleikoff

Zuletzt war Katharina Guleikoff Geschäftsführerin und Chefredakteurin des Bürgersenders Radio Jade, bei dem sie seit 2003 aktiv war und den sie mit geprägt hat. Doch das ist nur eine Facette der vielseitig interessierten und aktiven 34 jährigen. Ihr Engagement galt der Kultur der Stadt, die sie gemeinsam mit Mitstreitern um die „Suedbar“ bereicherte – einem Kulturprojekt dass wiederum aus der Kreativschmiede Suedlounge entstand. Darüber hinaus hat Katharina Guleikoff sich auch immer wieder sozial engagiert. So stand sie zum Beispiel beim diesjährigen Willkommensfest für Flüchtlinge, „Wilhelmshaven sagt Moin“ als Moderatorin auf der Bühne oder vertrat die Medienbranche beim Forum QUEERdialog des QUEERströmung e.V.

Im Interview mit Schlicktown-Chefredakteur Ulf Berner lässt die Powerfrau die letzten Jahre Revue passieren, wagt aber auch einen Ausblick in die Zukunft.

Ulf Berner: Woher kommst Du eigentlich und was zog Dich ausgerechnet nach Wilhelmshaven?

Katharina Guleikoff: Ich komme aus Petershagen bei Berlin und nach dem Abi 2000 war ich ein Jahr im Ausland. Dann hatte ich mich in Hannover für einen Studienplatz „Medienmanagement“ beworben, aber die wollten mich nicht. Ich bin dann nach Hamburg zu meiner Schwester gegangen, hab da einen Sommer gearbeitet und mich dabei in den Norden verliebt – den Wind um die Nase und die Menschen, das war einfach großartig. Dann habe ich mich wieder beworben, Deutschland weit und bekam Zusagen aus Marburg und Jena und .. Wilhelmshaven. Für Wilhelmshaven entschied ich mich zum Einen, weil ich im Norden bleiben wollte – das hat mich wirklich gefangen, zum Anderen interessierte mich dieser neuartige Studiengang, der ein Mix aus Wirtschaft, Informatik und Journalismus war.

Ulf Berner: Seit 2003 bist Du bei Radio Jade, zuletzt als Chefredakteurin und Geschäftsführerin – Rückblickend: Was waren die drei schönsten Momente / Erfahrungen ?

Katharina Guleikoff: Das ist total schwierig. Die Frage wurde mir schon Mal diese Tage gestellt. Es gab ganz, ganz, ganz, ganz viele! Was ein schöner großer Moment war, als die Gleichstellungsbeauftragten von Friesland und Wilhelmshaven auf mich zu kamen und wollten mit dem Sender etwas zum hundertjährigen Frauentag machen. Daraus wurde eine Reihe mit acht Sendungen mit verschiedenen großartigen Frauen. Das hat auch mich selbst total geprägt, also ich habe viel gelernt über „equal pay day“, über Quote, über Gleichberechtigung, über Positionierung im Beruf und so. Wir haben uns dann auf Initiative der Gleichstellungsbeauftragten um den „Juliane Bartels Medienpreis“ beworben und wurden dann nominiert – was eigentlich utopisch ist für einen Bürgersender. Auf der Verleihung in Hannover haben wir total viel gutes Feedback darauf bekommen und hätten ihn sogar fast gekriegt. Und das ist, glaube ich, dieses Glück, was Radio Jade für mich ist. Ich hatte unendlich viel Freiheit, ich konnte machen, was ich wollte und daran selber wachsen. Radio Jade war große Lebensfreude, neben viel, viel Arbeit und viel, viel grauen Haaren, die mir gewachsen sind, war es doch viel, viel Freude an den Menschen, die da so sind.

Und jetzt zum Schluss ist noch ein Highlight, das Dinge fertig geworden sind, für die ich lange gekämpft habe.Wie zum Beispiel die neue Website – klingt total klein, ist aber ein riesen Projekt gewesen. Auch das neue Logo, das man Radio Jade so ein bisschen entstauben kann.

Ulf Berner: Auf welche Erlebnisse oder Erfahrungen hättest Du gut verzichten können?

Katharina Guleikoff: Ach, unendlich viele! Der Stresspegel ist schon ganz gut. Ich hätte gut und gerne drauf verzichten können, dass immer was schief geht. Das es nie perfekt ist – ich mag gerne , wenn Sachen perfekt sind. Ich hätte gerne mal eine Liveübertragung, wo alles funktioniert, aber es passiert immer irgendwas.

Katharina bei der Arbeit auf dem Kulturkarussell 2015
Katharina bei der Arbeit auf dem Kulturkarussell 2015

Da hast Du eine Livesendung mit wichtigen Gästen in Jever und da cutten die uns mit dem Bagger die Leitung zum Studio Wilhelmshaven. Dann rast du während der Sendung nach Wilhelmshaven, Gäste werden umbestellt, dann sitze ich im Studio, mache ne halbe Stunde Sendung, dann sitzt draußen jemand am Kasten und stellt uns das Internet ab. Und da bin ich fast ausgerastet.

Wir sind außerdem ein Radiosender ohne festen Techniker – das geht eigentlich nicht, gibt aber das Budget nicht her.

Es hapert halt immer am Geld. Radio Jade musste viele, viele Jahre kämpfen, dass wir überhaupt kommunale Unterstützung bekamen. Was immer bleibt und eigentlich auch nicht geht, ist die wahnsinnig schlechte Bezahlung der Mitarbeiter. Eigentlich müssten wir jeden Tag auf der Straße stehen und demonstrieren, das es so nicht weiter geht.

Ulf Berner: Du wechselst als Redaktionsleiterin zu einem kleinen, aufstrebenden Privatsender nach Norden – zu „Radio-Nordseewelle“. Was sind Deine Erwartungen an diesen beruflichen Wechsel ?

Katharina Guleikoff: Schon eine professionellere Arbeit, obwohl da sind auch noch keine gewachsenen Strukturen. Da sind aber Leute, die ich zum einen kenne, also mein erster Volontär arbeitet da, auf den ich mich sehr freue, ist einfach ein Freund. Also vertrauensvolle Arbeit mit Menschen, die wissen was sie tun. Das finde ich gut. Für mich selber erhoffe ich einmal up to date zu sein mit Radiotechnik. Ich liebe Technik!

Ich leite und führe gerne und diese verantwortungsvolle Arbeit macht mir Spaß. Gelockt haben sie mich damit , dass ich Strukturen schaffen soll, dass ich Ausbildung aufbauen soll, dass ich lokale Verankerung schaffen soll, also all das, was ich die letzten Jahre bei Radio Jade gemacht habe, kann ich hier noch einmal neu machen. Hier kann ich noch mit gestalten. Ich erhoffe mir mit diesem Wechsel auch , dass mir jemand mal was beibringt. Ich habe mir über all die Jahre immer alles selber beigebracht. Das soll nicht arrogant klingen, war aber so.

Ulf Berner: Über Deine Tätigkeit für das Radio hinaus, warst Du aber auch sehr engagiert in der Kreativ- und Kulturszene der Stadt. So hast Du im maßgeblich an der „Suedbar“ – einem Projekt des Neue Botschaft Sued e.V. mitgewirkt. Was hat Dich an dieser Kulturarbeit besonders gereizt?

Katharina Guleikoff: Zum einen bin ich ein sehr kultureller Mensch. Ich konsumiere gerne, aber ich gestalte auch gerne. Das streichelt meine Seele. Ich habe noch nie eine Stadt erlebt die sich so hasst und sich so liebt – gleichzeitig.

Katharina Guleikoff
Katharina bei „Wilhelmshaven sagt Moin“

Ich bin ganz bewusst aus dem Osten weggegangen, weil ich diese „Jammer-Mentalität“ nicht ab kann. Hier ist das auch so ein unendliches Gejammer „Das geht nicht“, „Das ist nichts“. Das war auch im Studium so. Wie viele Leute habe ich hier scheitern gesehen, weil sie sich der Stadt nicht geöffnet haben. Und das muss man mit Wilhelmshaven definitiv machen, dann ist es super. Dann triffst Du irgendwann diese Menschen, die nicht weggegangen sind, die auch was wollen. Die habe ich zum Beispiel getroffen in der Suedbar.

Es gibt viel Potential was zu machen hier. Es gibt viel Platz und Raum. Wilhelmshaven ist wie Radio Jade, ich habe die Freiheit zu gestalten und warum soll ich es dann ,verdammt noch mal, nicht machen. Egal was man hier tut, man kann damit etwas bewegen und wenn es nur was ganz kleines ist.

Ulf Berner: Wie beurteilst Du die Kultur- & Kreativszene der Stadt im allgemeinen? Auch vor dem Hintergrund, dass nur unter 50.000 € für neue und kleinere Kulturprojekte zur Verfügung stehen und Teile der städtischen Kultureinrichtungen jetzt auch in eine Stiftung überführt werden sollen.

Katharina Guleikoff: Das ist natürlich tragisch, weil wir wissen ja alle, dass wenn man nicht in Kultur investiert, Lebensqualität verloren geht. Und wenn sie immer davon reden dass hier Fachkräftebedarf ist und gut dotierte Stellen nicht besetzt werden können – Du brauchst ein Angebot, sonst ist die Stadt nicht attraktiv. Da wo ein gutes wo ein gutes kulturelles Leben ist, kann sich auch Wirtschaft entwickeln.

Was hier entsteht, trotz die Stadt wenig tut, sind viele Einzelinitiativen. Das sieht man ja zum Beispiel an der Sezession Nordwest. Es gibt schöne Sachen, aber man darf nicht aufhören die finanziell zu unterstützen sonst geht irgendwann alles den Bach runter und dann wird Wilhelmshaven wirklich grau. Man muss den Menschen einen Grund geben hier zu bleiben und das ist das, was ich in Wilhelmshaven oft vermisst habe. Da passt die Streichung von kulturellen Mitteln mit rein. Ich weiss immer nicht , was die Stadt dafür tut, das die Menschen hier bleiben.

Oder wenn Du so kleine Dinge siehst, wie das Spectakel, was auch ne Kleinkunstbühne war. Wo findet das denn jetzt noch statt? Oder das KlingKlang, die auch tolle Arbeit machen.

Man muss aber auch sagen es ist nicht nur die Kommune. Es sind auch die Menschen in dieser Stadt, die nur da sitzen und jammern dass nüscht los ist und ich frag mich ständig, wo ist denn meine Altersgruppe eigentlich? Wo sind die 30 jährigen? Die sitzen zu Hause. Wenn ihr nur jammert und nicht raus kommt, dann kann auch nix passieren!

Ulf Berner: Jetzt haben wir das gerade eigentlich auch schon angeschnitten. Wilhelmshaven ist für viele nicht gerade der „Place to be“ . Was sind aber Deine persönlichen Highlights dieser Stadt?

Katharina Guleikoff: Das Meer ist es definitiv, das klingt zwar abgedroschen, aber es macht was mit uns. Das ist Energie pur und das ist durchpusten und das ist gute Luft. Das ist Work-Life-Balance. Lebenshaltungskosten ist auch ein Punkt. Auch mit wenig Geld kannst Du hier leben und gut leben. Das sagt natürlich auch etwas über die Stadt und ihre Situation aus.

Und ich mag diese Menschen hier. Berlin, wo ich her komme, ist ja eher rotzig und so und hier dachte ich zuerst , die verstehen ja keinen Spass. Am Anfang dachte ich hier kann keener lachen. Aber dann hatte ich sie einmal und merkte , die sind hier so ehrlich, so handfest. Das sind so ehrliche, bodenständige Menschen. Das sind so die positiven Dinge, wie auch die kurzen Wege. Du kannst alles mit dem Fahrrad oder zu Fuss erledigen. Ich geh auf die Straße, ich kenn die Menschen ich sage Hallo, ich fühle mich zu Hause.

Ulf Berner: Was muss in dieser Stadt aus Deiner Sicht dringend angepackt werden?

Katharina Guleikoff: Zum einen müsste sich die Stimmung verändern, also dieses negativ Gerede die ganze Zeit. Diese persönlichen Befindlichkeiten auch der Führungspersonen, dieser Stadt. Die gibt es sicher überall in allen Strukturen auf Bundes, Landes und Kommunaler Ebene, aber in Wilhelmshaven habe ich immer das Gefühl, das ist hier immer noch ein bisschen mehr. Durch diese Enge und Nähe sind die alle so verwurzelt und jeder ist irgendwie miteinander verwandt, ob nun biologisch oder emotional. Ein Freund aus Hamburg war zu Besuch und mit mir auf einer Party mit prominenten Gästen. Anschließend sagte er mir: “In Wilhelmshaven ist ein Sparkassenfilialleiter ein König“ und das trifft es total. Man ist hier schnell wichtig und manchmal wäre es gut wenn manche Leute nicht so wichtig wären.

Man muss auch Perspektiven für die Menschen schaffen, hier zu bleiben. Wir haben die Prognosen für die Einwohnerentwicklung. Die 60 tausend sind im Blick. Das wird auch durch nichts großartig aufgehalten. Ich möchte an diesen Hafen glauben. Vielleicht bringt er Effekte, vielleicht auch nicht.

Miami Deutschlands
„Wilhelmshaven könnte das Miami Deutschlands werden! – Warum machen wir das nicht?“

Aber seid verdammt noch mal ehrlich mit den Menschen und gebt ihnen eine Perspektive hier zu bleiben. Wilhelmshaven hat unendlich viele Probleme. Wir wissen um die Sozialstruktur, das ist finanziell schwierig für die Stadt, das ist für das Stadtbild schwierig, aber vielleicht müsste man eben denen, die hier zur Schule gehen nicht sagen ihr dürft hier nicht weg gehen, sondern sagen, geht weg und kommt wieder mit dem Input, den ihr gesammelt habt. Und gebt denen eine Perspektive hier zu sein.

Ein Freund meinte mal zu mir „Mensch, Wihelmshaven könnte das Miami Deutschlands werden!“. Warum machen wir das nicht so? Es gibt ja viele ältere Menschen, z.B. aus Nordrhein-Westfalen, die ihren Lebensabend in Wilhelmshaven verbringen wollen. Die sind ja nicht alt in dem Sinne und bringen noch sehr viel Potential mit. Vielleicht kann man diese Strukturen ja noch schaffen, dass Wilhelmshaven das Miami Deutschlands wird.

Ulf Berner: Bevor Du Dich nun im Miami Deutschlands zur Ruhe setzt, steht nicht nur ein beruflicher Wechsel an, sondern es beginnt ja auch persönlich ein neuer Lebensabschnitt an einem neuen Ort für Dich. Worauf freust Du Dich am meisten?

Katharina Guleikoff: Meine Lebenstaktung ist derzeit so hoch, dass ich eigentlich nur zum schlafen nach Hause komme. Gerade denke ich, also ich stelle mir das in meinem lustigen Kopf so vor, dass ich da ne Pause mache. Ich meine der neue Job wird auch genug Zeit in Anspruch nehmen, aber nicht so wie jetzt. Deshalb denke ich, dass wenn ich dann so lustig in meiner Wohnung in Aurich sitze, dass ich einfach ein bisschen Ruhe und Zeit mit mir habe.

Ulf Berner: Mit dieser Frage geht natürlich einher, wovor Du am meisten Respekt hast. Es ist ja auch der Wechsel von einer größeren Stadt, wie Wilhelmshaven in eine kleinere Stadt mitten in Ostfriesland.

Katharina Guleikoff: Also ich glaube der Unterschied zwischen Wilhelmshaven und Aurich ist gar nicht so groß. Klar haben die da kein Pumpwerk und kein Stadttheater aber Kulturleben wird es da auch geben. Die Menschen werden sicher etwas anders ticken, aber darauf bin ich neugierig. Vielleicht kann es einsam sein, vielleicht ist das eine Angst, die ich hätte. Aber dadurch dass das um die Ecke ist. Also jeder sagt, schade Kathi dass du weg gehst, aber ich bin doch ums Eck. Das ist eine Stunde von hier.

Ulf Berner: Gibt es Aktivitäten oder Projekte hier, die Du trotz Deines Umzuges noch aufrecht erhalten kannst und möchtest?

Katharina Guleikoff: Ich habe das auch beim Abschied bei Radio Jade gesagt, ich wünsche mir, dass ich hier jederzeit vorbei schauen kann, gucken, wie es hier ist. Aber das ist bei jedem Abschied so, wenn man geht, muss man auch akzeptieren, dass man gegangen wird.

Suedbar 2015
Suedbar 2015 im alten Schlachthof

Suedbar soll weiter gehen. Ich muss mal schauen, wie das geht. Natürlich kann ich nicht um 18:00 Uhr zu den Treffen kommen, aber dafür ist die Welt ja online genug und an den Wochenenden werde ich ja auch nicht immer arbeiten. Also das möchte ich schon weiter machen, weil die Menschen mir sehr am Herzen liegen und das Projekt ist halt auch großartig.

Was ich definitiv auch weiter machen werde ist meine „Go Special“ Aktivität, also mit der Kirche hier weiter zu arbeiten. Ich gebe da auch Kurse, also wenn ich kann würde ich auch das gerne weiter machen.

Ich habe hier Herzensmenschen und ich werde hier weiter sein, Auch im Theater werde ich weiter sein. Das gehört einfach dazu zu diesen Premieren zu gehen.

Ulf Berner: Jetzt befinden wir uns ja am Jahresende und da kommen wir um die Frage nicht herum, was Deine persönlichen Wünsche für 2016 sind?

Katharina Guleikoff: Ankommen und nicht weg kommen. Eine gute Aufgabe zu finden – zu haben, gefunden habe ich sie ja offensichtlich. Ja, das was ich immer allen Menschen wünsche, Glück, Liebe… Gesundheit spielt da mit, obwohl ich habe letztens einen schönen Spruch gehört: „Den Menschen auf der Titanic hat Gesundheit auch nichts gebracht, Glück war wichtiger!“. Ich wünsch mir selbst, obwohl ich das nicht bin, ein bisschen Ruhe. Mein Tempo überholt mich so ein bisschen. So einmal kurz durchatmen, auf alles drauf schauen und wieder neu durchstarten.

Ulf Berner: Und was würdest Du dieser Stadt wünschen?

Katharina Guleikoff: Tolle, viele Menschen, die sie begeistern und wenig herrschsüchtige, die sie weiter kaputt machen.

Ulf Berner: Katharina, vielen Dank für das offene und tolle Gespräch und Dir alles Liebe und Gute für den Neustart.

Schreibe einen Kommentar