“Humanität hat nichts mit Geld zu tun!”

Eine Diskussionsveranstaltung mit Flüchtlingen, statt über Flüchtlinge

Am 24.09.2015 lud die “Sozialdemokratische Gemeinschaft für Kommunalpolitik in Niedersachsen e.V.” , kurz SGK zu einer Podiumsdiskussion unter dem Motto: “Flucht und Vertreibung – Im Dialog mit Flüchtlingen” in das Robert-Koch-Haus.

Dialog mit Flüchtlingen
Dialog mit Flüchtlingen – auf dem Podium (v.l.) Elton und Tatjana Lipnikova aus Albanien, Katrin Lütkenhorst (Integrationslotsin), Hans-Jürgen Kempke (Moderator ) Al Chafia Hammadi (Ratsherr), der Syrer FadiSousani und Volker Block (SGK-Kreisvorsitzender)

Etwa 30 Bürgerinnen und Bürger folgten der Einladung vom SGK-Kreisverbandsvorsitzenden Volker Block und diskutierten mit den anwesenden Flüchtlingen und Politikern über die aktuelle Situation aber auch die Erfahrungen, die die Neuankömmlinge auf ihrer Flucht und hier in Wilhelmshaven gemacht haben.

Hans-Jürgen Kempke
Hans-Jürgen Kempke

Eingangs stellte Hans-Jürgen Kempke, ehemaliger SPD-Ratsherr und Vorsitzender des SPD Ortsverein Heppens, viele Fragen die er direkt von Bürgern gestellt bekam oder aus der Presse und den sozialen Medien entnommen hatte. Fragen wie “Warum kommen die Flüchtlinge ausgerechnet nach Deutschland?”, “Kann sich die Kommune das leisten?”, “Wie soll integration funktionieren?” oder “Gehen die Flüchtlinge wieder zurück, wenn es wieder Frieden in ihrer Heimat ist?”.

Fragen, die weder alle in ihrer Vielfalt diskutiert werden , geschweige denn abschliessend beantwortet werden konnten.

 

Ehepaar Lipnikova
Elton und Tatjana Lipnikova mit Dolmetscherin Katrin Lütkenhorst

Tatjana und Elton Lipnikova sind vor elf Monaten aus Albanien eingereist. Elton war Fischer und es ging der Familie eigentlich gut. Aber Wirtschaftsflüchtlinge sind sie dennoch nicht. Sie mussten das Land verlassen, weil ihre Tochter von Entführung bedroht war. Ein versuch war bereits fehlgeschlagen. In Albanien werden häufig Kinder entführt um sie dann auf die Strasse zum Betteln zu schicken, übersetzt Katrin Lütkenhorst, die die Familie seit langem betreut. Die Familie ist von Anfang an sehr um ihre Integration bemüht. Die beiden Kinder gehen hier zur Schule bzw. in den Kindergarten, Tatjana besucht regelmässig das Familienzentrum und Elton besucht parallel zwei Deutschkurse. Die Familie schätzt vor allem hier die Sicherheit. “Sicherheit ist das Wichtigste”, sagt Elton.

 

Fadi Sousani
Fadi Sousani aus Syrien

Der Syrer Fadi Sousani ist erst seit einem Monat in Deutschland. Er hat mit seinen Brüdern eine gefährliche, 10 Tage dauernde Flucht über Griechenland und die Türkei hinter sich. “In Syrien kann man nicht mehr leben”, übersetzt Ratsherr Al Chafia Hammadi. Woher die Flüchtlinge das viele Geld für eine Flucht hätten, kommt die Frage aus dem Publikum. Hammadi und Sousani erklären, dass in Syrien Gold eine Wertanlage sei. Familien schenkten sich zu Feierlichkeiten und Geburtstagen etwas Gold, was die beschenkten sicher als Rückversicherung für schlechte Zeiten bewahrten. Viele Flüchtlinge würden jetzt in der Krise sogar ihre Eheringe versetzen, um das Geld für die Flucht zusammen zu bekommen. Auch für Fadi Sousani ist das Wichtigste, die Sicherheit, in der er jetzt leben kann.

Bewegende Geschichten,die aber auch weitere Fragen aufwerfen.

Wieso ist Deutschland das Ziel so vieler Flüchtlinge? Die Antwort geben die Fachleute vom Podium einhellig. Deutschland gilt im arabischen Raum – und nicht nur da – als sicher, die Deutschen sind geachtet für ihre Hilfsbereitschaft, ihren Fleiss und ihre Korrektheit. Darüber hinaus gilt unser Land natürlich auch als wohlhabend und eines mit dem besten Sozialsystemen. Für Syrer ist dies eigentlich keine deutliche Verbesserung gegenüber dem System, was sie vor dem Krieg selber hatten. Al Chafia Hammadi berichtet, dass Syrien sehr hohe Sozialstandards hatte. So war Bildung bis in die Univsersität kostenlos und auch das Gesundheitssystem war von hoher Qualität und für jeden kostenfrei nutzbar.

Schwieriger waren Fragen zu beantworten, die sich mit den Herausforderungen in unserem Land befassten. Wie soll unser Bildungssystem die neuen Herausforderungen stemmen, wo es so schon an Lehrkräften mangelt und die Schulen gerade mit der Inklusion zu kämpfen haben? Wie soll eine hoch verschuldete Kommune , wie Wilhelmshaven die auflaufenden Kosten stemmen? Die Differenz zu den Bundes- und Landeszuschüssen würde bei angenommenen 1000 Flüchtlingen immer noch zu Millionensummen auflaufen. Aiman El Sarri, der unter den Teilnehmern sitzt, lebt seit über 30 Jahren in Deutschland. Er stellt fest, dass Deutschland es in den vergangenen 40 Jahren schon versäumt habe echte Integrationspolitik zu machen und viele Migranten sich in eine Parallelgesellschaft zurückgezogen hätten. Dieser Fehler dürfte jetzt nicht wiederholt werden.

Der Ruf nach Lösungen durch die Politik wurde daher auch in dieser Diskussionsrunde laut. Aber auch die Erkenntnis, das politische Entscheidungswege zu lange dauern und pragmatische Lösungen vor Ort gefunden werden müssen.

Viele Bürger engagieren sich gerade ehrenamtlich in neu gebildeten Gruppen und Vereinen um zu helfen. Die “Flüchtlingshilfe Wilhelmshaven/Friesland” arbeitet auf Hochtouren und Al Chafia Hammadi kündigte die Gründung des Vereines “Miteinander” an, der den Flüchtlingen mit Deutschkursen, Hilfe bei Ämtern und gerne auch mal bei der Wohnungsrenovierung helfen will. Eine Teilnehmerin wies auf einen Spendenlauf um den Sander See am 10.Oktober hin, dessen Spendenerlös an den neuen Verein “Miteinander” gehen soll. Man müsse auch nicht mitlaufen, sondern könne auch am See eine Bratwurst essen und einfach dabei sein und natürlich spenden.

Am Sonntag will Wilhelmshaven mit “Wilhelmshaven sagt Moin” – dem Willkommensfest für Flüchtlinge einmal mehr zeigen, dass diese Stadt bunt, offen und Hilfsbereit ist.

Auf den Punkt bringt es eine Dame aus dem Publikum. “Humanität hat nichts mit Geld zu tun! Neben der Menschenwürde ist Gerechtigkeit wichtig!” Ein schöner Satz , der den Abschluss einer gelungenen Veranstaltung bildete.

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