Wilhelmshaven – Das Paradies für Arme

Das Paradies Wilhelmshaven – Der journalistische Sündenfall des Per Hinrichs

Ein Kommentar von Ulf Berner

 

Screenshot von "Die Welt"
Screenshot von “Die Welt”

Für knackige Überschriften ist die Springer-Presse ja berüchtigt. Meist ist es auch nur diese, die in den Köpfen der Leser haften bleibt.
“Wilhelmshaven ist das Paradies für Arme” titelt Per Hinrichs seinen Bericht in “Die Welt” vom 08.07.2014 .
Sein Beitrag zeichnet ein desaströses Bild eines ausblutenden Wilhelmshaven, das nur noch für HARTZ IV-Empfänger attraktiv sei.
Doch wieviel Substanz und journalistische Fertigkeit steckt dahinter?

Nicht sehr viel!
Zunächst fällt auf, dass der Bericht eher eine Beschreibung der Sichtweisen vom Referatsleiter Jugend, Familie Soziales, der Stadt Wilhelmshaven, Carsten Feist ist. Der größte Teil des Artikels befasst sich mit dessen Sicht der Dinge.
Niemand will in Abrede stellen, dass Wilhelmshaven eine sehr hohe Arbeitslosenquote hat und auch darüber hinaus finanziell und strukturell großen Herausforderungen gegenüber steht. Auch will keiner bezweifeln dass Herr Feist in seinem Beruf täglich den kleinen und großen sozialen Katastrophen gegenüber steht, was zu einem besonderen Blick auf die Situation in der Stadt führt.

Arbeitslosigkeit ist aber kein spezifisches Problem von Wilhelmshaven.

 

Städte , wie Duisburg, Dortmund oder Stendal, haben deutlich höhere Arbeitslosenquoten. Bei einer Durchsicht der von der Bundesagentur für Arbeit veröffentlichen Zahlen vom Juni, weisen in Deutschland 13 Städte und Kreise Arbeitslosenquoten von über 11 % auf.
Reporter Per Hinrichs leitet seinen Artikel mit der Aussage “Wilhelmshaven beliebt bei Hartz-IV-Empfängern” ein. Einen nachvollziehbaren Beleg für so eine Pauschalaussage bleibt er schuldig. Immerhin zitiert er den arbeitslosen Andreas S., welcher der Liebe und der besseren Luft wegen nach Wilhelmshaven kam.

Der ganze Beitrag stellt eine schlimme Vermischung aus Alltags-Soap und mehr oder weniger richtigen Fakten dar und wirft dann noch strukturelle Probleme einer Norddeutschen Küstenstadt mit der bundesweiten Problematik von Arbeitslosigkeit und Armut in einen Topf.

Wenn es dem offenbar gewünschten Stimmungsbild dient, werden sogar faktisch falsche Aussagen eingeflochten. Merkt ja keiner, lesen ja eh alle nur die Überschriften!
Doch! Merken wir!
Hinrichs schreibt, nachdem er die kontinuierliche Abwanderung aus Wilhelmshaven erwähnt hat: “Dabei ziehen durchaus Menschen nach Wilhelmshaven – sogenannte Transferleistungsempfänger wie Arbeitslose oder Rentner.
Der Fehler steckt hier im Detail – mit großer Wirkung.
Rente ist keine Transferleistung!

Transferleistung ist in der Wirtschaftswissenschaft ein Sammelbegriff für staatliche Leistungen an natürliche Personen und Unternehmen, ohne dass eine gleichzeitige ökonomische Gegenleistung durch die Transferempfänger erfolgt” … “Transferleistung ist in der Wirtschaftswissenschaft ein Sammelbegriff für staatliche Leistungen an natürliche Personen und Unternehmen, ohne dass eine gleichzeitige ökonomische Gegenleistung durch die Transferempfänger erfolgt” (Quelle : wikipedia)

Der immer moderner werdende Begriff Transferleistung, ist eigentlich ein rein ökonomischer Begriff. Gebraucht wird er aber immer mehr unter dem Aspekt “Kosten”. Kosten schmälern den Gewinn, das ist schlecht. Machen wir alle Empfänger staatlicher Leistungen jedweder Art zu Transfergeldempfängern, können wir sagen, die sind für die marktwirtschaftlich orientierte Gesellschaft schlecht.

Herr Hinrichs hat offensichtlich das mediale Sommerloch füllen müssen und mit seinem Artikel über das “Paradies der Elenden” auf Leserquote bei den Stammtischlern und AfD-Wählern gehofft.

Kein Wort von den vielen engagierten Arbeitslosen und Rentnern in dieser Stadt, die in Projekten und ehrenamtlicher Tätigkeit der Gemeinschaft helfen und der eigenen Tristesse entfliehen wollen. Kein Wort von den vielen Geringbeschäftigten , die hier nicht das Paradies, sondern ein Auskommen suchen. Kein Wort von den vielen kleineren und größeren Unternehmen, die hier Arbeitsplätze schaffen und erhalten. Aber auch kein Wort über die, die für einige der größeren Probleme hier verantwortlich sind – Es sind nicht die Arbeitslosen, Aufstocker und Rentner!

Wilhelmshaven ist kein Paradies, aber eine lebenswerte Stadt für viele Menschen, die diese Stadt lieben und sich den täglichen Herausforderungen und Unzulänglichkeiten gerne stellen.

Schade , dass bisher niemand von unseren Repräsentanten den Mut gefunden hat, sich gegen den Artikel in “Die Welt” und für die Stadt zu stellen.

Quellen / Verweise

 

Link zum Artikel von Per Hinrichs auf “Welt-Online”

Aktuelle Arbeitslosenzahlen der Agentur für Arbeit für WHV

Liste der Vereine & Verbände in WHV (Bürgerengagement)

Arbeitsloseninitiative Wilhelmshaven / Friesland


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